Das Zuhause in der Garderobe

Der Betrieb im Theater beginnt für mich um 9 Uhr. Meist ist man schon etwa eine halbe Stunde früher in der Garderobe, um mit den lieben Kollegen einen Kaffee zu trinken und Neuigkeiten auszutauschen. Um 9 Uhr beginnen dann die Proben – bis zum Mittag um 12. Nach einer einstündigen Mittagspause geht es dann von 13 bis 16 oder 17 Uhr in die zweite Runde. Je nachdem ob am Abend dann noch eine Vorstellung ist, wird die Garderobe zum Wohnzimmer, da es sich für viele Kollegen und Kolleginnen nicht lohnt, nach der zweiten Probe nach Hause zu fahren. Also verbringt man die Zeit nach der Probe bis zur Vorstellung im Theater.

Langweilig wird es nicht. Ganz im Gegenteil. Etwas „absonderlich“ mag dabei für Außenstehende das Inventar unserer Räume sein, welches im Laufe der Zeit ganz von allein gewachsen ist. Ich erinnere mich daran, dass alles mit einer Kaffeemaschine begann. Zwar haben wir auch eine kleine Kantine im Theater – diese steht jedoch nur zur Mittagszeit zur Verfügung. An den Stunden zwischen Probe und Vorstellung bleiben wir grundsätzlich in den Garderoben, bzw. dem Aufenthaltsraum. In genau jenem spielt sich dann auch alles ab.

Am Anfang war also die Kaffeemaschine. Kurze Zeit später folgte dann der obligatorische Wasserkocher für Tee und andere Heißgetränke. Durch das Engagement der Bühnenbauer und deren Transportmöglichkeiten folgte ein Kühlschrank und eine Mikrowelle. Gleichzeitig entsorgten wir ein paar der Tische und Stühle, um Platz für ein Sofa und zwei bequeme Sessel zu schaffen, die einer der Mitarbeiter auf dem Sperrmüll entdeckte und kurzerhand abtransportierte. An dieser Stelle dachte ich, dass wir mit der Einrichtung komplett sein würden.

Weit gefehlt. Inzwischen befindet sich ebenfalls ein Bücherregal, ein Samowar, eine Schnellkochplatte und ein Entsafter in den heiligen Hallen der Garderoben. Die Geschichte mit dem Entsafter ist dabei ganz unterhaltsam und besiegelt eigentlich auch das Ende unserer Sammlerleidenschaft. In einem besonders heißen Sommer bemerkten einige der Kolleginnen, dass Tee und Kaffee nur wenig erfrischend sein würden. Der Fokus der Unterhaltung fiel dann auf „Frucht-Smoothies“, die sich ja relativ leicht herstellen ließen. Sie fertig zu kaufen, befanden die Damen als zu kostspielig. Gleichzeitig kam eines der Weibsbilder dann auf den Trichter, dass es ja noch toller wäre, wenn man frisches Gemüse, bzw. Früchte, verwenden könne. Gesagt – getan: am nächsten Tag wurde ein Entsafter angeschleppt.

Leider gottseidank kam der Intendant des Hauses just in dem Moment in die Garderoben, als die Frauen damit beschäftigt waren den Entsafter in Betrieb zu nehmen. Der Mann stand eine geraume Zeit, sprachlos mit offenem Mund, in der Tür und betrachtete das Geschehen. Schweigend. Allerdings diese Art des aufdringlichen Schweigens, so dass nach ein paar Minuten alle Augen auf ihn gerichtet waren.

Nach einer kleinen Pause begann er zu bemerken, dass wir „interessant“ eingerichtet seien. Während er sprach, waren die Mädchen weiterhin mit dem Entsafter beschäftigt. Der Intendant bat darum, dass von „weiteren baulichen Veränderungen“ Abstand zu nehmen sei. Die Frauen am Entsafter waren allerdings so beschäftigt, dass sie die Standpauke nicht als solche wahrnahmen und den Intendanten kurzerhand zu einem Glas frisch gepressten Fruchtsaft einluden.

Zwar ließ er sich damit bestechen – er bestand jedoch darauf, dass der Entsafter das letzte Mitbringsel zur Ausstattung der Garderoben sein sollte.

Damit können wir leben! Eine Kaffeemaschine hat jeder! Aber wer kann schon von sich behaupten, dass neben Sofa und Bücherregal sogar ein Entsafter auf der Arbeitsstelle zu finden ist? Ihr habt vielleicht einen besser bezahlten Job – aber wir haben einen verdammten Entsafter!

Man verbringt auf diese Weise sehr viel Zeit mit den Kollegen. Selbstverständlich wäre die Zeit zwischen Probe und Vorstellung gewissermaßen Freizeit und sie wird auch nicht bezahlt. Trotzdem macht es Spaß, gemeinsam mit den Kollegen und Kolleginnen im Theater zu sitzen, Text und Rolle zu lernen, zu plaudern oder eben die Erzeugnisse des Entsafters zu genießen. So ein Arbeitsklima würde sicherlich in so manchem Betrieb dazu beitragen, dass die Arbeitnehmer viel entspannter sind. Klar braucht es dazu keine Sitzgruppe mit Bücherregal. Aber so ein wenig Gemütlichkeit am Arbeitsplatz könnte doch nicht schaden.

Für diese Mentalität liebe ich auch das Theater und speziell die Leute, mit denen man es hier zu tun bekommt. Menschen in kreativen Berufen neigen dazu, viele Dinge etwas entspannter zu betrachten. Wenn man einmal von den „Pseudo-Yuppies“ (hier die Definition von Yuppie 😉 ) in irgendwelchen ach-so-kreativen Werbeagenturen absieht. Die Freiheiten in einem Theater kann man höchstens mit denen der Bauarbeiter vergleichen; wenn sie denn einen coolen Vorarbeiter haben. Auf dem Bau wird sich auch niemand über mitgebrachte Liegestühle oder angeschleppte Haushaltsgeräte echauffieren – insbesondere auf Großbaustellen, auf denen länger gearbeitet wird.

In Sachen Betriebsklima und Kollegialität liegt so ein Theater ganz weit vorn. Ein Umstand, der über viele unbezahlte Überstunden bei einem kläglichen Gehalt hinwegtröstet. Wie bereits gesagt: (man kann es nicht oft genug wiederholen) Sie haben vielleicht einen schicken Designerschreibtisch und ein dickeres Gehalt … aber wir haben das Sofa und einen Entsafter.

An welchem Ort würden Sie nun lieber sein?