Theater oder Varieté?

Wer sich mit den Begriffen nicht ganz so auskennt, mag fragen, was der Unterschied zwischen Theater und Varieté eigentlich ist. Varieté ist zwar Theater – Theater ist aber i.d.R. nicht Varieté.

Varieté ist eine Kunstform, die sich von herkömmlichen Theater und Schauspiel etwas absetzt. Sie ist bunter und lebendiger. Man kann das ein wenig mit Oper und Operette vergleichen. Kenner von ernsthafter klassischer Musik werden die Oper vorziehen. Wer sich mit nicht ganz so schweren Dramen auseinandersetzen möchte, geht in die Operette. Ganz ebenso ist das Verhältnis zwischen Theater und Varieté.

Varieté verbindet dabei alle möglichen Formen der Bühnenkunst. Ein Zirkus wäre ein klassisches Beispiel für Varieté. Auf der Bühne wird gespielt, getanzt, gelacht oder ein Kunststück vorgeführt. Der „verlängerte Arm“ des klassischen Varietés sind übrigens diverse Unterhaltungsshows im Fernsehen. Und da wird sich auch niemand beschweren, dass diese Kunstform veraltet oder langweilig wäre. Vielleicht ein wenig „einfältig“ und verspielt.

Ebenso, wie ein Operngänger der Operette eine gewisse Oberflächlichkeit vorwirft, so gibt es auch Theatergänger, die ein Varieté nicht wirklich ernst nehmen können. Obwohl im Varieté gespielt wird, erhebt man keinen Anspruch auf toternste Schauspielkunst. Obwohl im Varieté getanzt wird, benötigen die Tänzer keine klassische Tanzausbildung. Varieté soll in erster Linie unterhalten, während klassisches Theater durchaus auch einen gewissen Bildungsauftrag hat.

Sympathisch sind Häuser, die beide Kunstformen in ihrem Spielplan berücksichtigen. Ich kenne wirklich Häuser und insbesondere Schauspielkollegen, die einen von oben herab behandeln, wenn man zugibt Varieté zu machen. Schließlich wäre ernstes Sprech- oder Literaturtheater gehaltvoller und ernster. Natürlich ist es das. Es ist gehaltvoller und ganz ohne Frage auch ernster. Selbst wenn in einem herkömmlichen Theater ein Lustspiel auf dem Spielplan steht, wird man dort mehr über Literatur lernen, als in zehn Besuchen im Varieté. Allerdings wage ich es zu bezweifeln, dass zum Beispiel Kinder mehr Spaß in einem Stück von Brecht oder Fallada haben. Ich vermute, dass ein Familienausflug ins Theater unterhaltsamer wird, wenn dort eine Ballerina (absichtlich) etwas humpelt, ein Sänger (absichtlich) den Ton nicht immer trifft, ein Clown durch die Dekoration läuft oder ein Zauberkünstler Groß und Klein verzaubert. Dabei hat zwar kaum jemand etwas gelernt – gelacht haben sie jedoch alle. Genau das ist Varieté: es soll spaß machen!

Ich finde es deswegen so interessant, weil Varieté als Kunstform zwar auf der einen Seite so sehr belächelt wird – es sich auf der anderen Seite jedoch so begeistert transportiert und auch reproduziert. Eine Eis- oder Pferdegala. Riverdance, Shows im Fernsehen und selbst Andrew Lloyd Webber Produktionen sind gewissermaßen nichts Anderes als Varieté.

Dazu vertrete ich den Standpunkt, dass Kultur vielfältig sein muss. Man wird nicht jeden Menschen dazu bewegen können, eine Oper zu lieben. Wenn ich persönlich die Oper „La Traviata“ sehe, muss ich vor Ergriffenheit weinen. Das kann ich aber ja nicht von jedem anderen Menschen auch erwarten dürfen.

Viele Menschen lieben Oper und Theater. Wieder andere ziehen leichtere Unterhaltung vor und besuchen ein Varieté, einen Zirkus, Holiday on Ice oder die Vorstellung eines Zauberkünstlers. Wieder andere wälzen sich bei strömendem Regen im Schlamm auf einem Heavy-Metal-Festival. Aber selbst das ist Kultur. Da hat niemand einen Grund, respektive das Recht, auf den anderen herabzublicken und seine Wahl für die bessere zu halten. Kultur ist ebenso vielfältig und individuell wie das Publikum selbst. Es wäre ja langweilig, wenn wir alle das Gleiche mögen oder tun würden.

Am Ende bleibt der Applaus. Egal ob Theater, Ballett, Oper oder auch Varieté. Wenn das Publikum applaudiert, ist der Lohn erbracht und die Arbeit getan. Der Applaus im Varieté hört sich übrigens genauso an, wie der in einer Oper oder im Theater nach einem Stück von Brecht.